THE OSCHOLARS LIBRARY

 

Leichtsinniger Melancholiker. Ein Beitrag zur Typologie des mitteleuropäischen Dandys. 


Anna Grusková
Slovak Theatre Institute

First published in Maliti Eva (ed.): Symbolizmus v kontextoch a súvislostiach.  Bratislava, Ústavsvetovej literatúry Slovenskej akadémie vied 1999, pp.282-292, and republished here by kind permission.

The Slovak title is


Lehkomysln'y melancholik.  P^rísp^evekk typologii literární postavy st^redoevropského dandyho. 


[Editor's Note: Because our keyboard will not allow the use of Slovak diacriticals, the character'  represents the accent ´ placed over the following y, andthe ^ represents the upsidedown circumflex (or hook or carat or hacek) placed over the following letter.  The correct representation is given as a .jpg below]

"All art is at once surface and symbol. Those who go beneath the surface do so at their peril. Those who read the symbol do so at their peril."(1) 

 

Meine Überlegungen über das Dandytum möchten einen Beitrag zur Erforschung des Phänomens der zentraleuropäischen literarichen Dekadenz bringen-- im Vergleich mit den zeitgenössischen westeuropäischen Dekadenzströmungen. Zu diesem Zweck habe ich zwei literarische Figurengewählt, die offensichtliche Dandy-Charakteristiken enthalten—Anatol aus dem gleichnamigen Zyklus der Einakter des österreichischen Dramatikers Arthur Schnitzler und die Hauptgestalt der englischen Novelle von Oscar Wilde--Das Bildnis des Dorian Gray. 

Wilde ist sechs Jahre älter als Schnitzler. Der Vater Oscar Wildes war ein bekannter Chirurg, der Vater Schnitzlers war ein anerkannter Laryngolog. Beide Autoren führten ein bewegtes Leben und waren schon zu ihrer Zeit als Lebemänner bekannt--oder als Dandys, obwohl sie die Grundbedingung der dandischen Existenz nicht erfüllten. Ihre schöpferische Tätigkeitwar nicht nur auf ihre eigene Person konzentriert. Ihre Kunst--um es mit Oscar Wilde zu sagen--war nicht nur ihr eigenes Leben und ihre Sonette waren nicht nur ihre Tage.

DANDY UND FAUST

Warum habe ich die erwähnten Texte gewählt? Beide entstanden in ungefähr derselben Zeit. Anatol  wurde in Jahren 1888-9 geschrieben,1893 publiziert, Dorian Gray wurde als Buch  im Jahre 1891 veröffentlicht.  In den beiden Texten finden wir Varianten des Typus eines jungen "Dandy-Anfängers". Ihre Namen bilden den Titel oder einen Teil des Titels. 

In beiden Fällen ist in die Struktur des Textes eine Figur deswitzigen, erfahrenen Freundes des Dandy eingegliedert. In Wildes Text ist es Lord Henry und bei Schnitzler der Freund Max. Diese Figuren können wir als eine Verkörperung der Initiationsfunktion begreifen, als Begleiter, die sich durch die Ambivalenz der Anziehungskraft und der Abneigung auszeichnen: als ein Anspruch, der nicht erfüllt werden kann, und auch als eine Last, die nicht abzuwerfen ist. Die Dynamik dieser Ambivalenz können wir auch als eine Neigung des Subjekts zur Transgression und zugleich eine namenlose Grenze, an die sie stiess, annehmen. (2)

In beiden Texten finden wir auch verführte und zurückgelassene Opfer des jungen Dandys--bei Wilde /vielleicht auch in Zusammenhang mit seinen sexuellen Präferenzen/ sind es Frauen und Männer, bei Schnitzler aus schliesslich junge Frauen, anschaulich ist dabei die von ihm selbst etablierte Figur des süssen Mädels.

Diese Struktur evoziert eine viel bekanntere Dreikonstellation Faust, Mefistofeles, Gretchen und natürlich verdankt sie auch sehr viel den älteren literarischen und religiösen Inspirationen. Der Aufklärung-Faust an der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts verschreibt sich dem Teufel im Namen des Erkennens, der Dandy-Faust in der nächsten Jahrhunder wende opfert seine Seele der ewigen Jugend und Schönheit. Faust verschreibt seine Seele der unabhängigen Macht von Aussen, Dorian Gray hundert Jahre später einer imaginären Macht, die in ihm selbst siedelt, und die ganz konkret--natürlich nur gewissermassen--zu be einflussen ist: durch das wandelbare Porträt, das das Bild seiner Seele darstellt.  Gott existiert nicht mehr, aber das Bewusstsein Gottes bleibt. Es wurdenach Aussen verdrängt und mit diesem Abstand objektiviert es sich—Dorian Gray hat die Gottesmacht, um nur mit seinem Wunsch das Altwerden des Bildes zu verursachen und seine physiologischen Veränderungen zuverhindern.

Das Dandytum in der Literatur sowie auch im Leben ist immer nahe zur faustschen grossartigen Aufforderung an die Mächte, die die Kräfte des Menschen übersteigen. Schon das Dandy-Prinzip--die Absolutheit des Aussens--ist im Grunde tragisch. Immer neue und neue ästhetisch verfeinerte Dandy-Gestalten sind eine titanische  Rebellion gegen die Vergänglichkeit: die zierliche, verletzbare menschliche Schalen immt für sich die Vollkommenheit in Anspruch , die ein Privileg der Götter ist. Der bekannteste tschechische Dandy-Theoretiker und auch Praktiker Arthur Breisky  schreibt darüber:"Man soll den Prinzenaus dem arabischen Märchen verfolgen, der das Herz ins Meer geworfenhat, um durch das Leben mit einem Lächeln auf den Lippen schreiten kann. Möglichst viel emanzipiert sein im geheimen und kapriziösen Lebensspiel und das eigene Schicksal verwirklichen--sehet, das ist das Dandy-Ideal. /.../ Wie schwer ist es, es bis zum Ende realisieren! Sein ganzes Leben ist ein Triumph des Künstlichen--sein Ende ist bei nahe niemals natürlich. Natur, Leben und Schicksal überwältigen am Ende immer den Menschen, der ihnen seine Gesetze  diktieren wollte und der sie seinen Kaprizen unterwerfen wollte!" (3)

THEATRALITÄT

Schnitzlers Anatol ist, wie schon bemerkt wurde, der Einakter-Zyklus.  Die Geschichte ist sehr einfach. Anatol bemüht sich in irgendeiner Weise die Liebe zu wecken und sie zugleich auch zu zerstreuen. Das homogene und kontinuierliche Raum-Zeit-Gefüge gibt es nicht. Benutzen wir den Vergleich aus dem Gebiet der zentraleuropäischen bildenden Kunst, können wir Anatol mit der Bruchzeichnung von Egon Schiele und die Novelle Das Bildnis des Dorian Gray mit dem majestätischen Gemälde von Gustav Klimt vergleichen. 

Wir wissen, dass es gerade die Theaterstücke waren, mit denen Oscar Wilde die gesellschaftliche Anerkennung gewann. Auch seine Novelle Das Bildnis des Dorian Gray erfüllt eine Reihe von Kriterien, die für eine dramatische Form geeignet sind. Neben den brillanten Dialogen undkonfliktträchtigen Situationen finden wir auch bühnenbildnerische Instruktionen: detaillierte Raum- und Kostümbeschreibungen. Grosse Aufmerksamkeit ist zum Beispiel den Ringen gewidmet: Wilde beschreibt die Ringe auf der Hand Lord Henrys und erst durch die Ringe konnte die vordem Porträt liegende Leiche des Dorian Gray identifiziert werden.  Im Text finden wir Farben, Düfte, Klänge, sogar die musikalische Instruktion für die potentielle Aufführung--von Schumann über Wagner bis Chopin. Im Schnitzlerschen dramatischen Text wird die dramatische Handlung auf ein Minimum reduziert--Wilde in seiner Novelle komponiert die grosszügigen dramatischen Situationen.

"I love acting. It is so much more real than life," (4)--so lautet eines der eleganten Paradoxa Lord Henrys im Bildnis des Dorian Gray. Es ist bekannt, dass für das symbolistische Theater eine Erweiterung der Theatralität von der Bühne in den Zuschauerraum charakteristisch ist. Das Publikumwurde nach dem Muster der bekannten Bilder und literarischen Figuren gekleidet--esblieb nicht mehr anonym, es nahm an der Aufführung teil. Und da warnur ein Schritt in die Theatralität der Strassen und hinter die Türe des Privatlebens. Auch hier spielte man Theater. Lord Henry: "It often happens that the real tragedies of life occur in such an inartistic manner that they hurt us by their crude violence, their absolute incoherence, their absurd want of meaning, their entire lack of style./.../ Sometimes, however, a tragedy that possesses artistic elements of beauty crosses our lives. If these elements of beauty are real, the whole thing simply appeals to our sense of dramatic effect. Suddenly we find that we are no longer the actors, but the spectators of the play. Or rather we are both. We watch yourselves, and the mere wonder of the spectacle enthralls us." (5) Diese Theatralität ist dadurch spezifisch , dass sich die Aufführung, auf Schauspieler und Zuschauer aufgeteilt, im Rahmen einer Figur abspielt. Die Positionen des Schauspielers und des Zuschauers sind austauschbar sowie auch die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. 

Eine ständige Bewegung der Positionsfelder wurde von dem poststrukturalistischen, antiessentialistischen Konzept der zeitgenössischen Literaturwissenschaft aufgehoben. Schon in den Modernisierungsprozessen kam es zur gründlichen Änderung des öffentlichen und des privaten Raumes. Der Platz, auf dem man Theater spielt, ein typischer öffentlicher Platz, erweiterte sich auch hinter den bestimmten Räume. Und der Prozess der Veräusserlichung des Inneren des Menschen ermöglichte es in einer Person zu installieren. Es ist wichtig zu unterstreichen, dass diese Theatralität eine reversible Form hat. Dazu Schnitzler im Anatol: "Und darum ist ja ewig dieser Wirrwar von Einst und Jetzt und Später in dir: es sind stete, unklare Übergange!"(6) 

Der Einakterzyklus Anatol beginnt mit einem bekannten Gedicht von Hugo von Hofmannsthal: "Eine Laube statt der Bühne,/ Sommersonne statt der Lampen,/Also spielen wir Theater, Spielen unsre eignen Stücke,/ Frühgereift und zart und traurig,/ Die Komödie unsrer Seele /.../ (7).  Diese Rokoko-Szenerie leitete das Stück ein, das sich im zeitgenössischen Wien abspielte.

Die Theatralität des Lebens im Wien um die Jahrhundertwende ist eines der auffallendsten Zeichen des damaligen Gesellschaftslebens. Die drückende Situation der zerfallenden Österreichisch-ungarischen Monarchie verursachte eine immer grössere Sehnsucht nach Unterhaltung, man brauchte immer mehr eine Fiktion des sorgenlosen Lebens. Die Feierlichkeit, mit welcher diese gross zügige Camouflage produziert wurde, das wunderschöneSterben /es ist kein Zufall, das speziell in Wien zu dieser Zeit in den Funeralzeremonien extrem raffinierte Vorgänge entwickelt wurden /war aus serordentlich theatralisch.

Von den Erinnerungen der Zeitgenossen wissen wir, dass Theater und Musikeine enorm wichtige Rolle im gesellschftlichen Leben gespielt haben. Diebreitesten Schichten besuchten regel mässig das Theater, die Schauspielerwaren viel populärer als die Politiker. Im Burgtheater annerkanntsein, bedeutete eine lebenslange Versorgung und sichere gesellschaftliche Position. 

VERGANGENHEIT

Bisher wurde die Ähnlichkeit der beiden Texte untersucht. Versuchen wir jetzt festzustellen, wodurch sie sich unterscheiden

"Die Tiefe muss man verstecken. Wo? An der Oberfläche!" (8) soläutet einer der bekanntesten Aphorismen von Schnitzlers Jung-Wien Kollegen, des schon erwähnten Hugo von Hofmannsthal. Wenden wir unsalso der Oberfläche zu, also der physischen Gestalt der beiden Autoren,wie sie auf den zeitgenössischen Aufnahmen erhalten sind. 

Anton Mayer befasst sich in seinem Buch über die Dramatik der WienerModerne auch mit dem Aussehen der Dramatiker Jung Wiens und unter anderem deutet er als etwas Spezifisches an, dass Richard Beer-Hofmann jeden Tageine andere, raffiniert gewählte Knopflochblume trug (9). Für einen englischen Dandy war es eine Selbstverständlichkeit. Aber esgeht nicht nur um die äussere Erscheinung, die anders ist. Die jungen Männer aus Wien wirkten auf der Aufnahme vom Prater mit ihren Barten viel älter, als sie in Wirklichkeit waren. Wie wir auch aus den Erinnerungen von Stefan Zweig wissen, wurden junge Männer in Wien einfach zu dieser Altgestalt gezwungen, damit sie erst durch diese Gestalt ein gesellschaftliches Ansehen und eine angemessene Position erwarben. In der von Bürokratenbeherrschten Monarchie wurde das geschätzt, was alt war, also geprüft, sicher, beherrscht und zur Beherrschung vorbereitet. Das glatte Gesichtund die auffällige Eleganz Oscar Wildes und seiner Freunde ist auseiner anderen Welt. 

Die Motivation der Handlungsweise Dorian Grays ist die Sehnsucht nach der ewigen Jungend und Schönheit, Sehnsucht nach verschiedensten Formender Lust, die, so Lord Henry, die einzigen sind, die irgendeiner Philosophiewert sind: "Live! Live the wonderful life that is in you! Let nothing be lost upon you. Be always searching for new sensations. Be afraid of nothing....A new Hedonism--that is what our century wants. /.../ Youth! Youth! There is absolutely nothing in the world but youth!" (10) Dieser Aufforderung in der Novelle wird Folge geleistet. Dorian Gray lebt mit voller Kraft: liebt, reist, sammelt Antiquitäten, mordet, erweckt die Leidenschaft, leidet an Leidenschaften und am Ende beendet sein Leben mit einem radikalenTat. Die Schnitzlersche Variante des Dandy ist anders.

Die praktische Realisation der hedonistischen Philosophie im Bildnis des Dorian Gray ist eine spezifische Weise der Flucht vor dem Alter und vor dem Tod, also vor einer unabwendbaren Zukunft--Schnitzlers Anatol entflieht der Vergangenheit. "Deine Gegenwart schleppt immer eine ganze schwere Last von unverarbeiteter Vergangenheit mit sich. /.../ Was ist nun die Natürliche Folge-? Dass auch um die gesundesten und blühendsten Stunden deines Jetzt ein Duft dieses Moders fliesst--und die Atmosphäre deiner Gegenwartunrettbar vergiftet ist." (11)

Die historisierenden Tendenzen im Europa der zweiten Hälfte desneunzehnten Jahrhunderts sind für Oscar Wilde, beziehungsweise für Dorian Gray eine lockende Gelegenheit für neue und immer neue Entdeckungsreisen, eine Erfindung der neuen und raffinierteren Wonnen. Dorian Gray sammelt exotische Musikinstrumente, seltsame alte Stoffe, Kunstgegenstände, Juwelen, Bücher, er beschäftigt sich sogar mit der Parfumzusammenstellung. Anatol sammelt nur die Erinnerungen an seine vergangenen Liebesaffären, um sie sich wieder in Erinnerung zu rufen und die Agonie des Gefühls zu verlängern. 

Wildes Faszination von der Vergangenheit realisiert sich nur auf der ästhetischen Ebene. Für die "Gefühlskultur" der Wiener Moderne und auch Schnitzler ist typisch, dass die Vergangenheit in das Fundament, in den Untergrund der menschlichen Existenz hinuntersteigt. Die Fluchtin die Vergangenheit ist jedoch in beiden Fällen möglich durch die Veräusserlichung des geistigen Lebens. 

"Während ich den warmen Hauch ihres Mundes auf meiner Hand fühlte, erlebte ich das Ganze schon in der Erinnerung." (12)  In dieser Anatols replik verbindet sich das Thema der Vergangenheit mit einer Ästhetisierung des Sinnenslebens. Im Einakter Anatols Hochzeitsmorgen, der einen Teildes Anatol-Zyklusses bildet, spricht man darüber, dass Anatol sich eine Nacht vor der Hochzeit in einen Maskenball gestürzt hat, und dort frühere Geliebte gefunden hat, mit der er seine werdende Frau früher betreuen konnte als sie. Die Liebesbeziehung wird im Zyklusimmer als vergangene, oder im Stadium des Zerfallens geschildert. Durch die Vergangenheit gewinnt man den nötigen Abstand, um die Liebesbeziehung nach aussen zu verdrängen und zu ästhetisieren. Zur Zeit trägt letzte grosse Schnitzlersche Monografie den Titel Poetik der Erinnerung/Konstanze Fliedl, Wien 1998/. 

Von den widersprüchlichen Standpunkten der beiden Autoren geht auch die gewählte literarische Gattung aus: das prächtige Durcheinander der Symbole und die bezaubernde Visualität im Bildnis des Dorian Gray konnte am Besten die Novelle mit ihrer Elastizität verfassen. Die schnitzlersche Faszination von der Vergangenheit, die systematisch diedramatische Handlung fragmentarisiert, wurde durch die beschränkte Einakter-Form ausgedrückt. 

DIALOG

Anatol definiert sich im Rahmen des Zyklus selbst als leichtsinniger Melancholiker. Diese Kontradiktion umfasst alles--die typisch Wienerische geschwollene Eleganz des Ringes, den jüdischen traurigen Witz und die slawische Schwermütigkeit, das Leben als ein Spiel, einen Fall,der aufgehalten wurde--meistens mit einem Wort.

Die Konversationsstücke von Oscar Wilde sind immer im Repertoireder zeitgenössischen Theater vertreten.  Seine Beziehung zur Sprache und zu den Worten ist sehr sachlich. Er benutzt die Worte als Instrumente zum möglichst präzisen Ausdruck seiner Gedanken und nur seltenwerden sie ein Objekt dieser Gedanken. Im Bildnis des Dorian Gray finden wir nur eine Reflexion dieses Themas und die sich charakteristisch vorallem mit dem Aussen des Wortes befasst: "Words! Mere words! How terrible they were! How clear, and vivid, and cruel! One could not escape from them.  And yet what a subtle magic there was in them! They seemed to be able to give a plastic form to formless things, and to have a music of their own as sweet as that of viol or of lute. Mere words! Was there anything so real as words?"(13)

Ähnlich wie die Flucht in die Vergangenheit werden in den Modernisierungs prozessen auch Worte zu den Symptomen der Veräusserlichung des geistigen Lebens. Schon einmal wurde die Bemerkung von Hugo von Hofmannsthal zitiert:"Die Tiefe muss man verstecken. Wo? An der Oberfläche." Das, was der bedeutende Autor der Wiener Moderne in seinem anscheinend widersinnigen Bonmot zusammen gefassthat, ist eines der Grundthemen zeitgenössischer Philosophie und Ästhetik.  Der französische Philosoph Michel Foucault befasst sich mit dem Prozessder Gestaltung des Aussen diskurses und in La pensé du dehors versteht er die Sprache als eine kontinuierlich zerfallende Form des Aussens, die den Anfang und das Ende, den Tod in einen Zusammenhang bringt, weil sie deutlich ihre unbestimmte Pulsation und ihre augenblickliche Berührungin einem unermesslichen Raum zeigt. (14) 

Bei Schnitzler, sowie auch bei anderen Autoren der Wiener Moderne, wurde das Wort zum grossen Thema: Sprachenkrise neben der Geschlechterkrise, Religions- und Identitätskrise. Schnitzler thematisiert die Problematikdes Wortes, ähnlich wie die Vergangenheitsorientierung. 

Der Dialog von Schnitzler nähert sich dem Wildeschen mit der Vorlieb ein der Raffinesse der Ausdrücke und Redewendungen, mit dem Witz. Beide Autoren verbindet auch die Neigung zu einem witzigen Paradoxon: aber bei Schnitzler ist es mit der Resignation stigmatisiert. Man kann hier nicht die provokativen zynischen, blasphemischen und auch rasistischen und sexistischen Anspielungen finden, die bei Wilde oft vorkommen.

Eine wesentliche Differenz konnte man aber schon bei oberflächlichem Lesen herausfinden. Der Satz von Arthur Schnitzler zeichnet sich durch eine grosse Menge von Interpunktionszeichen--die oft zu einer Unbestimmtheit der Semantik des Satzes dienen, aus. Ein typischer Satz von Oscar Wilde ist kurz und bündig, mit einer eleganten und witzigen Pointe, seine semantische Struktur ist relativ klar und einfach.

Der dramatische Dialog wurde in beiden Fällen von der Krise des Dramas im 19.Jh. beeinflusst: man geht zu mehr oder weniger isolierten Monologen über--den sog. monologischen Dialog.

DANDY UND FRAUEN

Die Beziehung des Dandy und einer Frau wird im allgemeinen als asymetrisch beurteilt. Der schon erwähnte tschechische Dandy-Theoretiker charakterisiert sie als die Beziehung des grossen Schauspielers zu einem Episodendarsteller, oder als eine Beziehung des Virtuosen zu seinem Instrument. Er behauptet, dass der Dandy eine Frau nur mit dem Sehvermögen schätzt und eine Frau zu lieben ist für ihn dasselbe wie "Zigaretten rauchen oderChampagner zu trinken: ein Stimulans der Sinne" (15)

Das Lesen des Bildnis des Dorian Gray  ist für den heutigen Rezipienten manchmal anstössig durch den Mangel an sog. "politicalcorrectness". Wilde verbirgt nicht seine negative Meinung über Juden/in Passagen, die dem jüdischen Theaterdirektor gewidmet sind, beiwelchem die Schauspielerin Sibyl Vane engagiert ist/--und auch nicht über Frauen. Eine der typischen Meinungen Lord Henrys ist heute einfach unannehmbar:"... no woman is a genius. Women are a decorative sex. They never have anything to say, but they say it charmingly. Women represent the triumph of matter over mind, just as men represent the triumph of mind over morals."(16) 

Vor dem Gericht nannte Wilde selbst als eine wichtige Inspiration für sein Buch die bekannte Novelle A rebours /1884/ von J.K. Huysmans. Diese Bibel der französischen und auch europäischen Dekadenz zeichnetsich durch eine tiefe Misogynie aus. 

Diese anscheinend nicht begreifliche Abneigung der Frauen wurde in vielen Kunstwerken gerade in der Zeit präsentiert, als die Frauen an ihrer bürgerlichen und sogar menschlichen Rechte streng gerhindert wurden.Um die Jahrhundertwende wurde häufig das Symbol der Desubjektivierung der Frau benuzt--der Kopf der Medusa, die mit der tödlichen Machtihres Blickes waltet. Die Medusa hat keine Stimme, sie ist nur ein ewiglockendes Aussen, ein Objekt, das nur im Zusammenhang mit dem Mann existiert und am Ende in die Männerdentität integriert sein sollte. (17) 

Arthur Schnitzler sowie auch die Generation der Jung Wiener hatte eine differenzierte Beziehung zu den Frauen. Wie gesagt, Arthur Schnitzler etablierte den literarischen Typus "des süssen Mädels". Dieser Typus hatte sein Vorbild in der zeit genössichen Gesellschaft--lustige Vorstadtsmädel,die die reichen Herren nicht heiraten, die sich aber zur Unterhaltung genommen wurden und die mit gebrochenem Herzen oder mit einem Kind stehen gelassen wurden. 

Auch ein anderer Frauentypus wurde etabliert als Parallelle--die Mondäne,sogar böse Mondäne, Femme fatale: eine Frau, die dem jungen Mann alle Wonnen verspricht, aber es bleibt nur bei den Zusagen--und er "rächtsich" an den wehrlosen Vorstadtsmädeln. In dem Einakter Weihnachtsgeschenke im Zyklus Anatol  konfrontiert Arthur Schnitzler die Mondäne mit dem süssen Mädel. Anatol wird in der Vorstadt geliebt, aber von den Mondänen in der Stadt wird er verstanden. Die Mondäne sendet am Ende die Blumen dem süssen Mädel als Frau, die auchwie sie so lieben hätte können, aber keinen Mut dazu aufgebrachthat

Arthur Schnitzler, sowie auch andere Jung Wiener befasste sich in seinen Texten mit der unwürdigen gesellschaftlichen Position der Frau, vor allem der Schauspielerin. Am Anfang war es ein leidenschaftlicher Einsatz des Jungen, der die Sozialkritik mit der Selbstkritik verbindet. Der DichterFedor Denner lehnt in Schnitzlerschem frühen dramatischen Text Das Märchen nicht die Frauen mit Vergangenheit als unmoralisch ab. /Der Autor projizierte in diesen Text dieselben persönlichen Probleme mit seiner Geliebten Marie Glümer/. 

Das dichotomische Frauenbild Jungfrau-Hure, Maria-Eva, oder in dem bürgerlichen Trauerspiel ein Bürgermädchen und Femme fatale, /Lady-Typus/,finden wir in beiden Texten. Bei Wilde ist es die Figur der unschuldigen Jungfrau Sibyl Vane, die ihr Leben im Namen der Liebe verloren hat /undvielmehr angebetet wird--also ein Objekt wurde/- und die anderen Frauensind die Ladies, die hier die Funktion des Spiegels des männlichen Scharfsinns erfüllen. 

Schnitzler stellte schon in seinen frühen Texten diese Dichotomiein Zweifel. Einerseits geht er in dem, was Silvia Bovenschen "imaginierte Weiblichkeit" nennt, weiter, also in "die nie unterbrochene stellvertretende Rede über das Weibliche", was in den Dramen zur Konstruktion der Frauenfiguren als blossen Männerfantasien führt(18).  Andererseits sind mit den zunehmenden Jahren seine Frauenfiguren immer mehr und mehr emanzipiert--aberschon im Anatol-Zyklus sind sie gewissermassen der Destruktion der Männerillusionen fähig. 

In dem Einakter Abschiedsupper plant Anatol einen Abschied von der Ballettänzerin Annie, weil er schon längere Zeit eine neue Bekannschaft hat und die Situation beginnt für ihn unerträglich zu sein. In Wirklichkeitbricht er schon längere Zeit mit dem Abkommen, die er mit Annie am Anfang ihrer Bekannschaft troffen hat--dass sie einander nicht betrügenwerden und schon bei der Entstehung der neuen Liaison werden sie sich ehrlichverabschieden. In der Konfrontation mit Annie wird festgestellt, dass auch sie schon einige Zeit eine neue Bekannschaft hat. Ein komischer Effektgeht davon aus, dass sich Anatol aus den moralischen Gründen ärgert, ohne zu sehen, dass er dasselbe gemacht hat.

Bei einer näheren Untersuchung werden wir feststellen, dass auch diese Emanzipation der Frauenfigur wieder nur ein Teil "der Männerfantasien" ist. Doch können wir eine bestimmte Verschiebung konstatieren. Die dramatische Person Annie ist für die autobiographische Figur Anatolmehr als ein Objekt. Es ist eine Stufe weiter zu der Subjektivierung der Frauenfiguren. Sie tritt in das Männersubjekt ein, sie wird Teil von ihm, sie ist eine neue Form des Doppelgängers, des Begleiters. So sagt Anatols Freund Max:"Ein wahrer Zauberborn, deine "Stimmung". Alle, die du liebst, tauchen darin unter und bringen dir nun einen sonderbaren Duft von Abenteuern und Seltsamkeit mit, an dem du dich berauschest./.../ Aus dem reichen und schönen Leben deiner Seele hast du deine phantastische Jugend und Glut in ihr nichtiges Herz hineinempfunden, und was dir entgegenglänzte, war Licht von deinem Lichte." (`9)  Die Frau übernimmt die Funktiondes veräusserlichten Inneren der dramatischen Person in der selbenWeise, wie es Anatols Freund Max macht. Mit der Replik Robert Wells indem schon erwähnten dramatischen Text Das Märchen  charakterisiert Schnitzler "die neuen Männer" als "Übergänglinge"--Übergänglingesind "die Männer die schon das Wahre ahnen, aber selbst eigentlich den Mut ihrer Überzeugung nicht haben--Männer, die sich in ihr entiefen Anschauungen schon als neue Menschen fühlen, die aber mit ihrem äusseren Wesen noch unter den alten stehen--ja, ja, Männer, die sehr gut wissen, dass die Kunst uns das Wahre schildern sollte--und, hm, hm, kleine, zarte Novellen für Familienblätter schreiben-" (20)

Ist es so, dass sich das moderne Subjekt mit seiner Tendenz zur Veräusserlichung, in Oscar Wildes Novelle durch die Entleerung, Vernichtung des Schattens, des Doppelgängers, des Bildes, Gottes und bei Schnitzler durch den Zerfall des Subjektes in andere Subjekte realisiert? 

 

ANMERKUNGEN
 

1.  Oscar Wilde, The Picture of Dorian Gray. Leipzig 1940, 6
2.  
Vgl. Michel Foucault, Préface ála transgression, in:Dits et écrits 1954-1988, Paris 1988
3.  
Arthur Breisky, Kvintesence dandysmu /Quintessenz des Dandytums/. Brno 1993, 20-21
4.
  Wilde, The Picture of Dorian Gray, a.a.O.,106
5.  ebd., 132
6.  Arthur Schnitzler, Anatol, in: Das dramatische Werk. Bd.1. Frankfurt am Main 1977, 83
7.
  ebd., 29
8.  Anton Mayer, Theater in Wien um 1900.Wien 1997, 56
9.
  ebd., 14
10.  Wilde, The Picture of Dorian Gray, a.a.O.35
11.
 Schnitzler, Anatol, a.a.O., 83
12.
  ebd., 56
13. 
Wilde , The Picture of Dorian Gray, a.a.O.,30
14.  Vgl. Michel Foucault, La pensé du dehors, in: Dits et écrits 1954-1988.
Paris 1988,523-546
15.  Breisky, Kvintesence dandysmu, a.a.O.,15
16.  Wilde, The Picture of Dorian Gray, a.a.O.,65
17.  
Vgl. Sigrid Weigel, Topographie der Geschlechter. Reinbek 1990
18.  Silvia Bovenschen, Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kultureschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Frankfurt am Main 1979, 41
19.  Schnitzler, Anatol, a.a.O., 57-58
20.  ebd., 141

 

 

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